02.11.2011

In der Tagespresse angekommen: Büroarbeit

Zeitgemäßes Büro, so vielfältig, wie die Aufgaben, die zu lösen sind.

Das ist eher selten: Innerhalb kürzester Zeit beschäftigt sich die Presse mit dem Thema Büroarbeit. Am 18.09.2011 schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung über das „Umerziehungslager Büro", am 19.09.2011 berichtet DER SPIEGEL über „Kisschen an der Lehne", am 25.09.2011 lesen wir online in der Süddeutschen Zeitung über „Grün, grün, grün ist alles, was ich hab" und am 27.09.201 schreibt ebenfalls die Süddeutsche: „Hier tickt eine gesellschaftliche Zeitbombe". Nun ist die Tagespresse nicht gerade bekannt dafür, sich eingehender mit den Problemen der Büroarbeit zu beschäftigen. Was wundert, denn auch Journalisten und Redakteure verbringen viel Arbeitszeit sitzend im Büro am Schreibtisch. Hinzu kommt, dass sich die Anzeichen in der Arbeitswelt mehren, dass die Beschäftigten dem allgemein gestiegenen Arbeitsdruck nicht mehr standhalten können.

Die Aufzählung des Autors beruht nicht auf systematischer Recherche, sondern gründet auf Zufallsfunde. So wie die Inhalte der Artikel auch nicht unmittelbar korrespondieren, sondern ihre Gemeinsamkeiten aus den Themen Büro und Arbeit generieren. Gemeinsam ist letztlich allen Beiträgen die Kritik an herrschenden Arbeitsverhältnissen, die sich je nach Artikel mehr oder weniger an der Büroeinrichtung, -ausstattung oder an den Arbeitsstrukturen festmacht. Letztlich geht es darum, dass die physischen und psychischen Anforderungen an die Beschäftigten immer weniger im Einklang mit den Bedürfnissen der Menschen stehen.

So spricht die FAS denn auch vom „Umerziehungslager Büro", was verdeutlichen soll, dass den Beschäftigten in modernen Büros andere als natürliche menschliche Verhaltensweisen aufgezwungen sollen. Als Beispiel dient die Einrichtung von nonterritorialen Büros bei einem Medizintechnikkonzern, wo seit zehn Jahren versucht wird, die Psyche der Mitarbeiter auf das Konzept einzustimmen. Der Leiter des Projekts spricht denn auch von einem therapeutischen Langzeitkonzept, das die Beschäftigten über die Grenzen der individuellen Veränderungsfähigkeit bringen soll. Das moderne Büro sei ein flexibles Büro, wie es seit Jahrzehnten von Planern und Beratern propagiert wird, nur seien leider die Menschen nicht so geartet, dass sie dem sofort und widerstandslos folgen. Schließlich arbeiten „Arbeitnehmer, die ihre Büroeinrichtung kontrollieren, zufriedener", wird Elisabeth Arnold, Vorstandsmitglied im Verband der Betriebsärzte zitiert. Denn wo nonterritorial und flexibel gearbeitet wird, entfallen auch alle persönlichen Accessoires am Arbeitsplatz. Wo die Mitarbeiter ohnehin schon enorm belastet seien, verstärkten die flexiblen Sitzplätze den Trend zu psychischen Erkrankungen und Herz-Kreislauf-Leiden, meint Arnold. Flexible Arbeitsplätze finden sich zu 98 Prozent in Großraumbüros, von denen schon im Normalzustand rund 73 Prozent der Nutzer keine gute Meinung haben, wie die bso-Studie 2011 (siehe K+N City News vom11.08.2011) ergab. Die FAS fragte bei den 18 größten deutschen Unternehmen nach und erfuhr, dass alle feste Sitzordnungen haben, auch wenn nur ein Bruchteil der Beschäftigten täglich anwesend sei.

Die FAS bezieht sich auch auf die Aussage, dass moderne Bürogestaltung die Menschen kreativer mache und zitiert den Düsseldorfer Arbeitspsychologen Prof. Axel Buchner, der diese These knapp und knackig platzen lässt: „Solche Behauptungen sind starke Meinungen auf schwacher Datenbasis. Kreativität korreliert mit Intelligenz, nicht mit Möbeldesign," sagt der Professor.

DER SPIEGEL dagegen stellt die Frage, ob der Bürostuhl noch eine Zukunft habe. Denn der Bostoner Designforscher Jonathan Olivares hat ein Buch vorgelegt, das als eine Art Kompendium die Evolutionsgeschichte des Bürostuhls seit 1849 nachzeichnet („A Taxonomy of Office Chairs", Phaidon, London). In nüchternem Lexikonstil referiere Olivares über die technische, funktionale und ergonomische Entwicklung der Bürostühle bis zu den mit allerlei Gimmicks ausgestatteten Möbeln von heute. Bei den Fachleuten sei das Sitzen im Büro nach wie vor umstritten, denn viele sähen den Stuhl als Hauptschuldigen für zwei große Zivilisationsleiden: Verfettung und Rückenbeschwerden. DER SPIEGEL lässt offen, wie die Zukunft am Arbeitsplatz aussehen könnte; denn Neuerungen wie das Arbeiten auf einem Laufband, das heute schon in den USA und Südkorea praktiziert wird, dürft sich in der Breite kaum durchsetzen.

Wenn das Sitzen im Büro schon solche Probleme bereitet, sollte die Büroumgebung wenigstens von naturnahen Wohlfühlkonzepten geprägt sein. In dem Artikel „Grün, grün, grün ist alles, was ich hab" beschreibt die Autorin in der Süddeutschen Zeitung unterschiedliche Konzepte, um den Beschäftigten den Alltag angenehmer zu gestalten. Natur ist in und so bietet die Firma Grassland mit Gras verkleidete Leuchten und Wände und andere Naturinstallationen an der Grenze zwischen Kunst und Design. Hinzu komme, dass sich viele Konzepte schon über sie Steigerung der Luftfeuchtigkeit in den Räumen rechne. „Eine Erhöhung der relativen Luftfeuchte um 5 Prozent spart zwei Grad Wärme ein. Gemäß einer Faustregel sind das 12 Prozent weniger Heizkosten", meint Andreas Schmidt von der Begrünungsfirma Indoorlandscaping. Dass sich allerdings der Trend zu mehr Natur in den Büros in der Breite durchsetzen wird, hält Peter Schäfer, der Präventionsexperte und Gutachter der gesetzlichen Unfallversicherung VBG in Hamburg für unrealistisch. „Wir werden noch eine ganze Weile in normalen Büros sitzen - und das hoffentlich so gut wie möglich", meint er.

Wie auch immer die Büros gestaltet sein mögen, „hier tickt eine gesellschaftliche Zeitbombe", titelt die Süddeutsche in einem anderen Beitrag. Sie bezieht sich auf Erkenntnisse der IG Metall, wonach überlange Arbeitszeiten, unfähige Chefs und ein kaum zu bewältigendes Arbeitspensum immer mehr Arbeitnehmer psychisch erkranken lassen. Die Gewerkschaft fordert gesetzlichen Schutz vor zu viel Stress - in anderen Ländern gebe es das schon längst.

Die Presse beschäftigt sich mit den Themen Büro und Arbeit, indem sie die ganze Widersprüchlichkeit der Probleme anreißt. Einerseits zeigt sich ein deutlicher Trend, der über bessere Gestaltung den Beschäftigten mehr Wohlbefinden bieten will, auch wenn die guten Absichten gelegentlich an die Grenzen des Machbaren stoßen. Andererseits nimmt die Überforderung der Mitarbeiter in einem so erschreckenden Maße zu, dass ein Gegensteuern dringend erforderlich ist, um die Folgekosten der Ausfälle und medizinischen Versorgung nicht ins Uferlose steigen zu lassen.

Autor: W.O. Geberzahn

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